Grüner Park mit Schienen

Faszination Berliner Gleise – Eine schienengeführte Geschichtstour

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Normalerweise haben mich Eisenbahnen nie sonderlich interessiert. Auch als Kind nicht. Ich wusste nur, sie machen eine Menge Qualm, denn irgendwo im Harz bin ich als Knuffel mal mit einer gefahren. Als Radfahrerin in Berlin und auf der Suche nach schönen Fahrstrecken in den Süden Berlins kommt man am Gleisdreieck, Flaschenhalspark und Schöneberger Südgelände jedoch nicht vorbei. Ich entdeckte ein paar alte Gleise und verfallene Gebäude und schon war meine Neugier erwacht. 
Der Nord-Süd-Grün Zug, ein Projekt der Grünen Liga Berlin, macht es seit 2015 möglich vom Tiergarten bis zum Insulaner auf eigenen asphaltieren und begrünten Strecken durchzuradeln oder zu skaten.
Hier ein Überblick dieses genialen Grünzuges: Übersichtskarte des Nord-Grün Zuges

Wenn man die Augen offen hält, sich ein bisschen für Berliner Geschichte interessiert und sich, wie ich anfangs, noch ständig in diesen Parks verfährt, wird dieses Gebiet jedes Mal interessanter und ist öfter mal einen schönen innerstädtischen Ausflug wert. Also, los! Ab aufs Rad oder die Skates und diese wunderbare Gegend erkunden. Das Gebiet ist so zentral gelegen, dass es faktisch von jedem Bezirk Berlins relativ schnell zu erreichen ist.
Meine Wegstrecke beginnt allerdings nicht im Tiergarten, sondern an einer geschichtsträchtigen Ruine. Über knapp 6 Kilometer erstreckt sich die von hier aus stillgelegte Gleisstrecke der ehemaligen Bahntrasse Berlin-Sachsen Anhalt vom Askanischen Platz, dem ehemaligen Anhalter Bahnhof, bis hin zu heutigen Naturpark Schöneberger Südgelände (beim S Bahnhof Priesterweg), einem damaligen Rangierbahnhof.

 

Hier füge ich noch meinen Streckenplan über mymaps ein….

Die seit den 1950iger Jahren stillgelegte Strecke kokettiert mit einer eigenen Art Wildheit, Naturverspieltheit und Berliner Eisenbahngeschichte. An der alten Ruine des einstigen südlichen Kopfbahnhofs, dem Anhalter Bahnhof, beginnt meine Route. Das noch stehende Fragment des Anhalter Bahnhofs ist der Überrest seiner Sprengung im Mai 1945. Der einstige Bahnhof von 1841 wurde in einer sechsjährigen Bauphase von 1874 bis 1880 aufwändig umgebaut und besaß nach Abschluss der Umstrukturierung mit einer Höhe von 34 Metern und einer Binderlänge von 62 Metern damals die größte Bahnhofsvorhalle auf dem Kontinent. Im Hallenraum von 10.200m konnten sich gleichzeitig bis zu 40.000 Menschen aufhalten. Das bei den Luftangriffen der Alliierten im zweiten Weltkrieg zerstörte imposante Gebäude war vor dem Ersten Weltkrieg die wichtigste Station für die Verbindungen nach Österreich-Ungarn, Italien und Frankreich und wurde einfach „Anhalter“ oder „Das Tor zum Süden“ genannt. Mit Anhalten hat der Name übrigens nichts zu tun. Anhalt ist der Name eines alten Herzogtums in Sachsen (heutiges Dessau in Sachsen Anhalt), ca 160 km südlich von Berlin, zu dem die alte Strecke führte.
Modell des Anhalter Bahnhofs um 1900 aus dem Deutschen Technikmuseum / Bildrechte: CC-BY-SA-3.0

Während des zweiten Weltkrieges zog auch hier die dunkle Wolke des Faschismus hinweg und dem Bahnhof widerfuhr eine schreckliche Nutzung. Er wurde zum Schauplatz von Deportationen nach Theresienstadt. Informationsstelen auf dem Platz erinnern an diese schrecklichen Gräuel. Nicht verwunderlich, warum die zerbombten Ruinen dieses einst recht pompösen Bahnhofs in den 40iger Jahren und auch die dahinter liegenden Gleise und Bahnsteige im Jahr 1959 dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Heute befinden sich dort eine begrünte Sportanlage und das Veranstaltungszentrum Tempodrom mit seinem Entspannungsbad, dem Liquidrom. Erst hinter dem weiß bekronten Dach des Tempodroms vorbei entdeckt man im Elise-Tilse Park die ersten alten Bahnsteige und verrostete Gleise. Über die neu angelegte Anhalter Brücke gelangen Fußgänger, Radfahrer und Skater mühelos über den Landwehrkanal auf die Seite des Geländes des Technikmuseums.

Hinter dem Zaun kann man auf das Gelände des Museums spähen und die alte Anlage des Anhalter Güterbahnhofs inklusive Lokschuppenanlagen bestaunen. Ein Besuch des Museums lohnt sich in jedem Fall. Im Innenbereich der Abteilung Schienenverkehr: Züge, Loks und Leute befindet sich die Modelleisenbahn des Anhalters, ein altes Portal des gigantischen Bahnhofs sowie die abmontieren allegorischen Kupferfiguren, die einst als Tag und Nacht oben auf dem Portikus thronten und den Ein- und Ausgang des Bahnhofs bewachten.

An allen Sonntagen im September fährt von hier aus auch eine Bahn zur Monumentenhalle in der gleichnamigen Monumentenstraße.
Sonntagsfahrer im Deutschen Technikmuseum

Wenn man hinter der Brücke am Museum vorbeiradelt, erreicht man den Park am Gleisdreieck und über eine neue Brücke gelangt man von dort aus in den Flaschenhalspark. Links sieht man noch die alten Stahlträger der einstigen Trasse über die Yorkstraße. Sie liegen hinter Gittern. Diese Yorkladies vom alten Eisen unterziehen sich zurzeit bitter nötigen Schönheitsoperationen. Betreten ist leider verboten.

Beide Parks sind wirklich einzigartig. Man fährt an verrosteten Gleisen, bemosten Gleisschwellen und mit Farbe verschönerten verlassenen Bahngleisen entlang. Dabei entdeckt man allerlei Stellwerke, uralte Weichstellen, Lokschuppen, Wassermühlen und Türmchen. Die asphaltierten Wege sind ein Streckenparadies für Radfahrer und Skater. Hier und da entdecken Spaziergänger mit Holzspan aufgefüllte Gleisbetten, die sie durch das lichte Holz führen vorbei an Gleisen und versteckten alten Bahnsteigen und Weichstellen führen. Vereinzelte Bänke und Schaukeln laden zum Rasten ein.

Bilder, Bilder, Bilder … hier kommen bald noch mehr Bilder!

Im Flaschenhalspark sollte man sich links halten, dann eine Halse auf die Monumentenbrücke machen und auf der anderen Seite wieder in den Park herunterfahren. Die Strecke ist Bestandteil des Berlin Leipziger Radfernweges und wird hier gerade optimiert, so dass in naher Zukunft eine durchgängige Fahrt unter der Monumentenbrücke möglich sein sollte. (Stand: August 2017!) Auf der anderen Seite fährt man einfach in die ausgeschilderte Parkanlage runter und rechts an den Gleisen vorbei schnurgerade zum Bahnhof Südkreuz. Durch die Bahnhofshalle muss man leider schieben oder das Gebäude rechts herum bis zum Vorplatz umfahren.

Auf dem Vorplatz dann links halten und links an der Parkhausschnecke vorbei hoch auf die Rad- bzw. Fußgängerbrücke. Der Geräuschpegel hier ist enorm. Man überquert den überaus gerne frequentierten Sachsendamm und die A100. Auf der anderen Seite ist dann im Hans-Baluschek-Park wieder Ruhe und Aufatmen angesagt. Auf einer gut befahrbaren Strecke fährt man links der ehemaligen Berlin-Dresden Trasse – der heutigen Strecke der S2 und S25 -ungefähr 1,5 km bis zum südlichen Eingang des Naturparks Südgelände. Man kann hier Kette geben oder sich einfach treiben lassen und die Natur genießen. Rechts schlummern beschauliche Datschen in ihrem ruhigen Schrebergartendasein. Einfach herrlich!

Am südlichen Ausgang des Priesterweges führt ein Tunnel unter den heutigen Bahngleisen easy zum Eingang des Parks. Tiere von draußen sind nicht unbedingt willkommen. Hier muss man leider vom Drahtesel runter. Auch Hunden ist der Eintritt untersagt, dafür ist jedoch eine Spende von einem Euro für die Unterhaltung des Parks gerne gesehen. Das Gelände gehörte eins zum 1875 errichteten Tempelhofer Rangierbahnhofs. Bis 1952 wurde auch hier der Bahnbetrieb sukzessiv stillgelegt. Wie beim Tempelhofer Feld, verdanken wir es einer Bürgerinitiative , allerdings bereits in den 90 iger Jahren, dass diese einst so stark frequentierte Trasse nun ein Rentnerdasein führen darf und nicht vollständig beseitigt wurde. Das Gelände bietet seit Jahrzehnten vielen einzigartigen Pflanzen, Insekten und Vögeln einen ruhigen Unterschlupf.

Gleich am Eingang, an der Wand einer alten Bahnbrücke empfängt einem der Schriftzug “ Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“. Und dieses harmonische Zusammenspiel schafft der Park wahrhaftig. Nicht nur Berliner Geschichtsliebhaber und Eisenbahnhistoriker kommen hier zum Zug. Auch Künstler dürfen sich hier austoben.

Neben vielen Theaterveranstaltungen, gibt es gleich scharf links vom Eingang den Tälchenweg, einen extra Bereich, der ganz legal unter der Woche von Sprayern genutzt werden darf. Hier setzt bei mir –als empfindliche Asthmatikerin- eine leichte Schnappatmung ein. Trotzdem bewundere ich die schwungvollen und farbenfrohen Verewigungen an den ehemaligen Stützmauern des Rangierbahnhofs.
Auch Jogger nutzen den Park gerne für ausgedehnte Laufrunden, da er durch die leichte Vertiefung und Verwilderung zum übrigen Gelände sehr viel Schatten und Sauerstoff bietet. Ein Tümpel am Ende des Tälchenweges bietet im August leider ganz anderen Lebewesen einen schönen Nistplatz. Fies piepsende Mücken fangen an meinen Kopf zu umtanzen und sich auf meinen Armen und Beinen zur Nahrungsaufnahme niederzulassen. Bevor ich mich hier selbst erschlage, verziehe ich mich lieber wieder von der „Blut“-Bank und gehe weiter im Uhrzeigersinn in Richtung Drehscheibe.

Das Herzstück des Rangierbahnhofs ist bis heute in sehr gutem Zustand. Das einstige Fuhrhäuschen der wohl noch funktionierenden Drehscheibe wird nun als Minidepot für Tische und Stühle verwendet.

Im wadenhohen Gras liegen die von der Drehscheibe abgehenden alten Schienen wie gerade umgefallene Mikadostäbchen. Birkenbäumchen wachsen kreuz und quer zwischen den hölzernen Schienenschwellen heraus. Ein Vincent Van Gogh hätte hier sicher Inspirationen für eines seiner Naturgemälde gefunden.
Aber nicht nur das Auge erlebt hier pure alte Gleisgeschichte in Höchstform. Rechts und links des Naturparks rumpeln und poltern in regelmäßigen Abständen Fernzüge uns S Bahnen die neue Bahntrassen entlang. So dass man sich auch auditiv sehr schön auf die einstige Geschichte dieses ehemaligen Rangierbahnhofs einlassen kann.

Den krönenden Abschluss meiner Tour bildet eine aus dem tiefsten Dickicht des Parks entsprungene Güterzuglokomotive der Baureihe 50 3707 des Herstellers Henschel aus dem Jahr 1940 und der von weitem nicht zu verfehlende 57 Meter rostbraune Wasserturm.
Rund um den Wasserturm befindet sich eine Ansammlung verschiedenster Lokalitäten, die dem Besucher von Interesse sein können. In eine enorm große Lokhalle finden Kunstausstellungen statt, im hinteren Bereich des Giardino Secreto, ein alter Lagerplatz, stehen stählerne und vor sich hin rostenden Skulpturen, Bänken und Kuben herum. Das Café im unteren Teil des Verwaltungsgebäudes spendet neben Kaffee und Gebäck Tische und Stühle für eine Verschnaufpause und weiter vorne befindet sich der Bereich für Theatervorstellungen der Shakespeare Company. Im äußersten rechten Eck des Parks verweilt der Moosgarten in seinem natürlichen Zustand.


Mehr kann ein Park, selbst mir als wissenshungrige und attraktionsliebende Stadtpflanze, nicht bieten.

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