Ein goldener Herbsttag mit Viktoria

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img_1819-macroEs ist wahrscheinlich einer der letzten leuchtenden Herbsttage dieses Jahres als ich die 285 Stufen der Goldelse hinaufsteige.

Als ich vor ca. sechs Jahren nach Berlin kam, war die Viktoria verhüllt und nicht begehbar.  Sie bekam einen neuen hochkarätigen Glanz. Belüftungsanlagen und Beleuchtungen sollten verbessert werden. Erst Mitte 2011 war sie wieder zu erklimmen. Bis dahin hatte ich aber irgendwie das Interesse an ihr verloren. Erst vor ein paar Wochen, erinnerte ich mich wieder an sie und spürte das Verlangen mich als Tourist auf ihr zu tummeln und einmal den Tiergarten von oben anzuschauen.

Nach 10-minütigen Anstehen auf dem Großen Stern, betrete ich erwartungsvoll einen Vorraum mit Kassenhäuschen, wo ein junges Mädchen monoton und im Fünfsekundentakt Eintrittskarten über 3,00 EUR ausgibt. Für Schüler, Rentner und Erwerbslose sind es immerhin 50 Cent weniger.
Nach dem Kassenhäuschen muss man durch ein provisorisches Drehkreuz, was sich irgendwie auch ohne Einsatz des Tickets bewegen lässt. Danach gelangt man in freudiger Erwartung auf die Wendeltreppe vorerst in weitere Räumlichkeiten. Es fängt mit einem Bild feiernder Menschen an, die die Siegessäule fast 20 Jahre lang an einem Juliwochenende belagerten. Schade, der Geist der Loveparade hat leider nicht gesiegt.

In weiteren Räumen werden architektonische und geschichtliche Hintergründe der 67m hohen Säule erklärt. Während einige Leute vorhasten, um die 50,66m hoch gelegene Aussichtsplattform der Säule zu erobern, schaue ich mir die grafischen Darstellungen und den Text eingehender an. Was mich besonders fesselt sind nicht die architektonischen Details, sondern die Umsiedelungsgeschichte der Säule.

Ursprünglich gegenüber des Reichtages platziert, wurde sie im Zuge der wahnwitziges Nazi-Ideenfabrik für die angehende Welthauptstadt „Germania“ Ende der 30er Jahre mehr als 1,5 Kilometer auf ihrem heutigen Standort im Tiergarten umgesiedelt. Der damalige Generalbauinspektor des Dritten Reiches Albert Speer hielt es sogar für nötig, die Säule um ein Geschoss (um ca. 7,5m) zu erhöhen.

Warum diese Umsiedelung auf den großen Stern stattfand, scheint mehr als eindeutig, wenn man die obere Plattform erreicht. Kein Gebäude weit und breit stiehlt ihr dort mehr die Schau. Viktoria, die von Friedrich Drake erschaffene Bronzefigur als römische Siegesgöttin mit Adlerhelm im goldenen Gewand. Einen Lorbeerkranz in der rechten und das Eiserne Feldkreuz in der linken Hand haltend, richtet sie ihren Blick nach Westen. Sie funkelt und leuchtet wie ein goldener Stern. Sternenförmig gehen die Alleen von ihr ab und erstrecken sich über den Tiergarten weiter in die Stadt hinein.

Meine Erwartungen steigen und ich gehe weiter in den nächsten Raum. Dort werden geschichtliche Karten über den Entstehungshintergrund der Säule gezeigt. Dazu gehören der deutsch-dänische Krieg (1864), der Deutsche Krieg gegen Österreich (1866) sowie die Deutsch-Französischen Kriege (1870/1871). Aus allen geht Deutschland siegreich hervor. Die Einweihung der Säule fand am 02. September 1873 statt, dem 3. Jahrestag der für Deutschland Sieg führenden Schlacht bei Sedan in Frankreich.

Mich faszinieren Karten, aber alles kann ich mir leider nicht einprägen. Ich gehe weiter und gelange in den nächsten Raum. Hier findet man Informationen zu geschichtsträchtigen Bauwerken aus Deutschland und Europa. Dazu gehört auch der schiefe Turm von Pisa. Ich bin allerdings aus einem anderen Grund hier und fange jetzt auch an zu hasten. Endlich gelange ich zum Treppenaufgang und erreiche nach ein paar Dutzend Stufen die erste Plattform. In dieser Art Säulenhalle kann man sich ein imposantes Glasmosaik anschauen, welches das Thema des Deutsch-Französischen Krieges und die Einigung sowie die Schaffung des Deutschen Kaiserreiches aufgreift und im Stile des 19. Jahrhundert verbildlicht.

Auf der Wendeltreppe weiter nach oben kommt es zu kleineren Staus und Begegnungen mit absteigenden Besuchern. Wer auf die Idee kommen sollte, sich als wartender aufsteigender Tourist an die Außenwand quetschen zu wollen, der wird spätestens beim Abstieg eines besseren belehrt. Für den abgehenden Besucher ist es enorm schwierig Tritt und Halt auf den inneren Stufenflächen einer Wendeltreppe zu finden. Bitte also auch hier „rechts Stehen“, „links Gehen“ beachten!

Als mich noch etwa fünf Stufen von der Plattform trennen, kommt es zu einem erneuten Stop. Diesmal fühlt sich die Wartezeit viel länger an als weiter unten, denn ich will jetzt endlich raus und den Ausblick genießen. Als es weiter geht, schaffe ich es raus und stehe erst einmal wie ein Pinguin umzingelt von mehrsprachigen anderen Pinguinen in 2. Reihe auf der schätzungsweise 1m breiten Plattform. Es geht weder vor noch zurück. Nach ein paar Minuten quetsche ich mich in die 1. Reihe und kann den herbstlichen Tiergartenblick nach Osten auf die Straße des 17. Juni genießen. Gelb und rot schimmernde Baumkronen breiten sich unter mir aus. Einfach herrlich! Ich schieße einige Bilder mit meinem Smartphone und bemühe mich dabei ein gerades Bild zu erzeugen. Gar nicht so einfach bei diesem Gedränge und eingeschränkter Armfreiheit.

Die Pinguine scheinen sich im Uhrzeigersinn um die Säule zu bewegen. Oder auch nicht, denn außer des Windes hier oben bewegt sich momentan hier gar nichts weiter. Schon ok. Erst einmal habe ich einen guten Ausblick! Ein paar Minuten später komme auch ich zur westlichen Seite und kann den einsetzenden Sonnenuntergang bewundern. Ein „Wow“ ertönt hier und da. Die Uhrzeit passt für alle! Wäre es hier oben nicht so gedrängt, wäre ich noch ein paar Minuten geblieben. Weiter in Pinguinschritten umrunde ich die Säule und verharre eine halbe Ewigkeit vor dem östlichen Ausgang bzw. Eingang in den Säulenschaft. Die Leute wollen raus auf die Plattform. Können Sie aber nicht, da diese zu voll ist mit Pinguinen. Ich will wieder rein und versuche mich bemerkbar zu machen. Endlich klappt es. Der Abstieg verläuft ohne Staus. Dafür wollen umso mehr Pinguine nun rauf und sich wahrscheinlich den Sonnenuntergang anschauen. Sie stehen fast den ganzen Schaft bis nach unten an. Oh je. Das kann dauern! Schön wäre es, wenn sie es noch vor dem Sonnenuntergang schaffen. Ich wünsche ihnen in Gedanken alles Gute und viel Geduld. Die Aussicht ist das Warten allemal wert.

 

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