Ein unruhiger März – Die Grundsteinlegung der Demokratie

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Eine kleine Gruppe von ungefähr acht Leuten trifft sich an einem Samstag im März um 14:00 Uhr auf dem Lindenberg am Rande des Volksparks Friedrichshain für eine kurze Führung über einen Friedhof. Es ist sehr stürmisch. Teilweise fegt einem der Wind in Böen bis zu 50km/h um die Ohren. Hier oben wehte wohl schon immer ein etwas raueres Lüftchen, denn hier standen einst zwei Mühlen. Eine brannte ab, die andere wurde abgetragen.

Mit einem Scheppern fällt plötzlich der Mikrofonständer vor den aufgebauten Stuhlreihen in der Mitte des Platzes um. In etwa einer Stunde soll hier die Andachtsfeier für die Gefallenen der Märzrevolution vor 169 Jahren beginnen. Eine Andachtsfeier unter die sich später, laut eines Redners, wohl auch AfD Mitglieder gemischt haben. Die sind hier nicht erwünscht und das aus gutem Grund. Hier geht es um Demokratie und die Grundsteinlegung dafür, nicht um einseitige patriotische Hetzpredigten.

Der konfessionslose Friedhof wurde eigens für die Gefallenen der Märzunruhen vor 169 Jahren angelegt. Heute, am 18. März 1848 war es sehr stürmisch hier in Berlin. Angeregt von den allgemeinen europäischen Unruhen in Paris, Wien und Italien, schlug der Wind auch nach Norden um über Baden, Frankfurt, Mainz, Mannheim, Dresden und Leipzig bis nach Berlin. So stürmisch wie der heutige Wind, müssen sich die Barrikadenkämpfe an diesem Tag hier zugetragen haben, in denen viele Arbeitsmänner und auch einige Frauen, Handwerker und Gesellen sowie Studenten dem Militär des Königs für eine einheitliche Nation, Meinungsfreiheit und Mitbestimmungsrecht trotzten. Das Durchschnittsalter der Kämpfer lag bei 25 Jahren. Namen und teilweise auch die Adressen der Gefallenen sind fast alle bekannt. Wie viele Menschen jedoch genau an den Kämpfen beteiligt waren, weiß man nicht, nur dass es an die 1000 Barrikaden in der ganzen Stadt Berlin verteilt gab und bekannt ist auch, dass sie und die Revolution letztendlich scheiterten. An die 270 Tote fordere der 16 stündige Kampf. 255 der Verstorbenen wurden hier beigesetzt.
Aber nicht nur Leute aus der Unterschicht und Studenten setzten sich für mehr Rechte der Arbeiterklasse ein. Bekannte Namen wie Alexander von Humboldt (damals bereits im stolzen Alter von 79 Jahren), der spätere Charité Arzt und Pathologe Rudolf Virchow und der Freidenker und Dichter Theodor Fontane sowie der Tierarzt Friedrich Ludwig Urban stellen sich den Kämpfen.
Auch der Name des Lokomotivkönigs August Borsig erscheint im Zusammenhang mit der Revolution, jedoch nicht als Kämpfer, sondern als späterer Spender der vier Grabstelen als Eckpfeiler des Friedhofes. Jeweils mit einem Anker als Treuesymbol für den Verlust seiner vier Werksarbeiter.

Inzwischen hat sich eine größere Gruppe für die Gedenkfeier um 15:00 Uhr angesammelt. Während ich noch die roten Rosen, die heute liebevoll an die noch bestehenden Gräber am Rand gelegt wurden, bewundere, erklingt von ca. 50 Leuten und einer Gitarrenbegleitung das schlesische Volkslied und die Hymne der Unterdrückten und Gefangenen… „Die Gedanken sind frei…“.

Auch an vereinzelten Stellen in Berlin findet man noch winzige Spuren jener Tage. Unscheinbar im Boden oder an Hauswänden angebracht, berichten Gedenktafeln still von den Ereignissen. Wer sich auf die Suche begeben möchte, dem empfehle ich als Startpunkt den Friedhof der Märzgefallenen und seine Ausstellung. Hier kann man sich informieren. Jeden Sonntag um 16:00 Uhr findet sogar eine kostenlose Führung statt. Eventuell kann man die von mir hier vorgeschlagene Tour mit dem Fahrrad (oder zu Fuß) an eine Besichtigung der Ausstellung anknüpfen.

Bitte auf die roten Punkte für mehr Informationen klicken. Es sind Bilder der Gedenktafeln und Infotexte dort hinterlegt:

Die Revolution und die Einberufung einer Nationalversammlung für Preußen in der Singakademie und später im Schauspielhaus sind ein paar Monate später gescheitert sowie auch die Versammlungen in der Frankfurter Paulskirche. Diese bewegte Zeit hilft uns jedoch Berlin besser zu verstehen und hat viele weitere Ereignisse und neue Errungenschaften nach sich gezogen. Einige Passagen der hier beschlossenen Verfassung fanden später Einzug in die revidierte Verfassung von 1850, die in Preußen bis 1918 galt. Einige der in Paulskirche in Frankfurt beschlossenen Sätze der Nationalversammlung wurden sogar Wort für Wort in unser heutiges Grundgesetz mit aufgenommen.

Wer sich weiter informieren möchte, hier auch ein toll erklärtes Video über die Umstände und die Folgen der Revolution:
Bitte hier entlang für mehr Info!

 

 

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