Der Gasometer – Ein friedliches Stahlmonster in Schöneberg

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Voller Tatendrang und wie eine routinierte Bergsteigerin bin ich fest entschlossen das 78 Meter hohe Stahlkonstrukt des Gasometers in Schöneberg zu erklimmen, mit dem einzigen Unterschied, dass ich keine Bergsteigerin bin und schon gar nicht routiniert mit Höhen. Aber 78 Meter, was ist das schon?

Sieht von unten schon mal gewaltig hoch aus. Und von oben? Irgendwie noch schlimmer, muss ich auf dem Weg nach oben feststellen.

Gasometer aus Ameisenperspektive
Gasometer aus Ameisenperspektive

Nein, es gibt keinen Fahrstuhl. Die Treppenstufen habe ich nicht mitgezählt. Aber ich versichere, es sind mächtig viele. Während meine Gruppe und ich die unzähligen löchrigen Stahlstufen der Gitterkonstruktion emporsteigen, merke ich, dass der Mensch gar kein Gespür für Höhe zu haben scheint. Zumindest ich nicht.

Auf der zweiten Ebene von insgesamt sieben, kommt es mir jetzt schon wie beim Besuch des Berliner Fernsehturms vor. Nur beträgt dort der vom Restaurant aus gemessene Abstand zur Erdoberfläche insgesamt 230 Meter. Vielleicht liegt meine Fehleinschätzung aber auch an der offenen Gitterbauweise des Gasometers. Dicke Betonwände und Panzerglas scheinen wohl eine gewisse Art von Sicherheit zu verleihen.

 

Hier oben stockt mir der Atem auch ein bisschen.  Ich weiß nicht, ob das von der ungewohnten Höhe oder der sich nun präsentierenden Aussicht auf die Stadt kommt.

Die sich verabschiedende Sonne hat sich heute mit den Wolken verabredet und veranstaltet für uns ein abendliches Naturwunder in Gelb- und Rotnuancen. Gefesselt vom Anblick, kann ich unserer Tourguide kaum zuhören, die nun geschichtliche und technische Details des Gasometers aus ihrem Wissensgepäck rausholt. Ich klicke lieber unentwegt auf dem Auslöser der Kamera rum, um den für mich außergewöhnlichen Moment zumindest grafisch festzuhalten.

Bitte hier unbedingt beachten: Eine mitgebrachte Kamera muss mit einem Band um den Hals oder Handgelenk gesichert sein. Auch Handys ohne Band dürfen nicht eingesetzt werden.

Während wir weiter nach oben kraxeln, wird mir ehrlich gesagt immer schwammiger in der Magengegend. Ich klammere mich am Geländer fest und muss mich zwingen in die Ferne und nicht nach unten zu schauen. Während es allmählich immer dunkler wird, blitzen die ersten Lichter der Berliner Laternen und Denkmäler auf, was sich für die Erkennung einiger Gebäude als hilfreich erweist.

 

Unsere Gasometerguide hilft uns erklärend, stellt die richtigen Fragen und zeigt mit dem Finger auf sehenswerte Eckgebäude in der Berliner Häuserlandschaft. Sie gibt nicht auf, bevor jeder einzelne von uns das Objekt entdeckt hat. Ferngläser, Farb-, Muster und Formangaben zur Orientierung werden eingesetzt. Interessante Geschichten und die eine oder andere Neuentdeckung verzieren unseren Abend über den Dächern der Stadt und lenken mich von meiner Höhenunsicherheit ab.

Erstaunlich ist auch der Lebenslauf des Gasometers:
1910 erbaut, gehört er eher zu den Nachzüglern der Berliner Gasometerära. Über 100 Behälter schmückten damals das Landschaftsbild des Berliner Raumes. Etwas später konstruiert, schaffte es der Schöneberger als letzter in Pension zu gehen.

Bis 1995 war er im Einsatz, während die anderen bereits im Krieg zerstört oder im Laufe der Zeit abgerissen wurden. Allerdings ist er nicht der einzig Überlebende seiner Art. Es gibt noch zwei weitere, die in Berlin so in der Gegend rumstehen. Einer befindet sich ein paar Kilometer weiter im Süden im Marienpark, der andere versteckt sich unter Stein in Kreuzberg und ist eher unter dem Namen Fichtebunker bekannt. Info Fichtebunker

Aber wie genau funktioniert so ein Gasometer und wofür wurde er gebraucht?

Das Gestell diente eigentlich nur einem Zweck:
Als Halterung der Stahlglocke für die Speicherung von Stadtgas (hergestellt aus Kohle), in die das selbige einströmte, um es bei Bedarf in die Berliner Gasleitungen zu entlassen. Beim Blick in die Mitte des Konstrukts zeigt sich eine weiße Kuppel. Diese ist nicht mehr der Originalbehälter.


Von 2011 bis 2015 talkte hier noch Günther Jauch unter einer eigens angefertigten Kuppel mit deutschen Politikern in gemütlicher Runde. Heute kann der Raum unter der weißen Kuppel als Eventlocation angemietet werden.

Der ursprüngliche Behälter aus Stahl wurde durch Teleskoparme und mit Hilfe von Wasser hochgedrückt. Dabei entstand ein Druck von gerade einmal 2 bar.  Dieser Niedrigdruck war ausreichend um die Leitungen Berlins mit Gas zu versorgen. Wie genau so ein Teleskop-Gasbehälter funktioniert, wird hier genauestens erklärt:

Funktionsweise eines Teleskop Gasometers

Am Ende erreichen wir den siebten Ring ganz oben, den wir einzeln im gewissen Abstand umrunden. Mittlerweile ist es schon stockduster. Nur der am Gerüst befestigte Sternenkranz des EUREF Campus spendet ein wenig Licht auf der Weststeite. Einmal umrundet freue ich mich ein wenig auf den Abstieg, denn obwohl die Tour wirklich ein prickelndes Erlebnis war und ich es wärmstens empfehle, möchte ich hier oben nicht so gerne übernachten.
Total überwältigt und glücklich wie Abenteurer nach ihrer erfolgreichen Mission erreicht unsere Gruppe den Erdboden und wird von der Guide nach Rückgabe der Taschen und Rucksäcke wohlwollend in den Freitagabend verabschiedet.

Gerne komme ich irgendwann noch einmal wieder. Die Touren sind zwischen April und Oktober jeden Freitag und Samstag für nachmittags oder abends buchbar. Die Sicht und Perspektive wird jedes Mal eine andere sein und meine anfängliche Unsicherheit beim zweiten Anstieg sicherlich geringer.

Zurück auf dem Boden - Gasometer bei Nacht
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