Serie Berliner Plätze – Episode 1: Der Kollwitzplatz

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** Kollwitz 2.0 – Einmal Schmuckplatz immer Schmuckplatz **

Jeder Berliner weiß: Der Kollwitzplatz ist das Herzstück des Kollwitzkiezes. Wohntechnisch eines von Berlins teuersten Pflastern. Er ist ein Akademikermagnet und wird gerne von den Schwaben aus dem Süden Deutschlands besucht und bewohnt. Doch was genau macht diesen Platz im Prenzlauer Berg noch aus?

Einst um die Entstehung der Reichshauptstadt 1971 und durch den Stadterweiterungsplan von Herrn James Hobrecht kurz nach dem deutsch-französischen Krieg angelegt, wurde der Platz vorerst nach der Schlacht bei Wörth im Unterelsass Wörther Platz genannt. Der Platz wurde dreieckig gestaltet und rundherum von schicken Schmuckfassaden der sogenannten Gründerzeit eingefasst. Bis auf ein paar Eckhäuser steht hier auch fast noch alles.

Im Oktober 1947 erhielt er seinen heute gültigen Rufnamen nach der berühmten Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, die in bronzener Gestalt mitten auf dem Platz thront. Sie und ihr Mann Karl Kollwitz lebten fast 50 Jahre lang von 1891 bis 1943 in einem Eckhaus (heute Kollwitzstraße 56a) in diesem einstigen Arbeiterbezirk. Das Haus gibt es leider nicht mehr. Es wurde 1943 zerstört und die freie Fläche 1995 durch einen Sozialbau ersetzt.

Beide engagierten sich in sozialistischer Hinsicht. Als Arzt half Karl den zahlreichen Kranken und Mangelernährten während des ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik. Käthe als Grafikerin druckte Flugblätter, und machte so auf Missstände, Kriegsleiden und Kinderarbeit aufmerksam. Sie wurde Mitglied in der Berliner Secession und 1919 als erstes weibliches Mitglied in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Da sie sich durch ihre Flugblätter für sozialistische Aktionen und gegen den Krieg einsetzte, zwangen sie 1933 die Nationalsozialisten zum Austritt aus der Akademie und verfolgten sie als Gegnerin des Regimes. Ihre Kunst wurde als „Entartet“ betitelt und entfernt. Ähnlich erging es auch ihrem Mann. Ihm wurde die Arztzulassung entzogen.

1960 wurde die 2 m große Bronzeskulptur von Gustav Seitz zu Ehren von Käthe Kollwitz hier errichtet. In der Rechten hält Käthe ihren Kohlestift, zur Linken ihre Zeichenmappe. Sie sieht bedrückt aus. Nicht nur das Elend der Weimarer Republik plagten sie. Sie selbst verlor einen ihrer beiden Söhne Peter im 1. Weltkrieg, später im 2. Weltkrieg ihren Enkel. Ihre wohl bekannteste Plastik „Mutter mit Sohn“ (Pietá) verarbeitet den grausamen Verlust ihres Sohnes und steht heute in Kopie als Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache unter den Linden.

Wie sehr hätte sie sich wahrscheinlich über fröhlich spielende Kinder gefreut und so kam es wohl auch, dass sich ihre Figur zu DDR Zeiten der 60/70er Jahre als beliebte Kletterfigur für Kinder eignete. Die Kleinen setzten sich bei ihr auf den Schoß und umarmten sie. Viele schimpften natürlich über diese agilen Kinder: Dies sei ja ein Denkmal und nicht respektvoll der Käthe gegenüber! Sicherlich im Sinne von Frau Kollwitz schrieb der Bildhauer Seitz dazu: „Der Sockel ist extra breit und niedrig gehalten mit der Absicht, dass Kinder drauf spielen und rumkrackzeln können. Sollten sie mal Fotos mit den Kindern an der Kollwitz Plastik machen können, dann würde es mich freuen.“ Heute finden wir zahlreiche Spielplätze auf dem Platz, die die bronzene Käthe nun bewundern und sich an den tollenden Kindern erfreuen kann.

Seit 2000 kommen zusätzlich Bauern und Händler jeden Donnerstag und Samstag aus Berlin und Umgebung, um ihre Produkte auf dem Öko- und dem Wochenmarkt zu verkaufen. Das Leben auf dem Platz wurde bunt, sorgenfrei und kinderfreundlich. Der Samstagmarkt wanderte das eine oder andere Jahr im Dreieck gegen den Uhrzeigersinn von der Wörtherstraße runter zur Kollwitzstraße, da sich ein paar wenige Anwohner -darunter auch der damalige Vize Bundestagspräsident Wolfgang Thierse- über den plötzlichen Aufbaulärm und die fehlenden Parkplätze beschwerten.

Ansonsten blieb es ruhig. Außer an einem Tag im Januar 2013. Da bekam die liebe Käthe eine Art Gesichtsmaske. Eine schwäbische. Die anonyme Gruppe Free Schwabylon, beschmierte das Denkmal der guten Frau eigennützig mit Spätzle. Und das nur um einen autonomen schwäbischen Bezirk einzufordern. „Was hat denn die Käthe damit zu tun?“, fragten sich da die meisten?

Suchen wir nach einem Tag, der den Kollwitzplatz in die internationale Presse setzte, wäre dies der 2. Juni 2000. Im elsäßischen Restaurant Gugelhof an der Ecke (Knaackstraße 37) dinierten Gerhard Schröder und Bill Clinton. Dies war sicherlich für die heutige Popularität des Platzes und der Gastronomie kein Hindernis. Wer den neuesten Agentenfilm Jason Bourne (2016) gesehen hat, weiß auch, dass dort nicht nur der Berliner Hauptbahnhof vorkommt, sondern auch der Kollwitzplatz 49, den es genau genommen adresstechnisch nicht gibt. Eher die Kollwitzstraße 49. Eigentlicher Schauplatz der gespielten Szene ist allerdings ein Platz am Schlesischen Tor in Kreuzberg. Im Hintergrund sieht man nämlich die U1 über die Oberbaumbrücke rumpeln.

Ganz versteckt und bescheiden entdeckt man dagegen ein paar Meter weiter vom Gugelhof ein stählernes Tor mit zwei Davidsternen (Knaackstraße 41). Dahinter befindet sich ein 400 m langer und 7 m breiter Gang zum jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee. Dieser sogenannte Judengang wurde 1824 angelegt. Warum weiß man gar nicht so genau. Man nimmt an, dass er wohl für Trauerzüge der Toten zur Beerdigung auf dem Friedhof genutzt worden ist. Es wird behauptet, dass der damalige König Friedrich Wilhelm III. sich an der trauernden Zeremonie gestört haben soll, da er damals entlang der heutigen Schönhauser Allee seine regelmäßigen Ausritte tätigte. Der Weg umging so die Schönhauser Allee und einer möglichen Begegnung mit dem König. Eine andere Behauptung sagt, dass der Weg als Wirtschaftsgang für Gärtner gelegt wurde.
Fakt ist, dass dieses Tor fast immer zu ist, und nur für bestimmte Führungen von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin geöffnet wird. Der Gang kann jedoch von den anliegenden Häusern herum betreten werden, was bereits zu DDR genutzt wurde. Die begrünten Säume des Ganges wurden parzelliert und werden noch heute als eine Art Schrebergärten genutzt.

Wer noch mehr über Käthe und ihre Zeit erfahren möchte, den empfehle ich das Museum in der Fasanenstraße 24 in Charlottenburg. Für sieben Euro Eintritt bekommt man einen tollen Überblick über ihre Arbeiten und ihre Biografie.

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