Das Gründerzeitmuseum – Zu Besuch in Lottchen’s guten Stuben

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Weit im Osten am Rande der Hauptstadt, kurz vor Brandenburg auf einer Anhöhe hinter ruhigen Baggerseen – ja wirklich dort wo man es gar nicht mehr vermuten würde – findet man noch ein Schmuckstück aus der Berliner Gründerzeit: Das Gutshaus Mahlsdorf.

Einem ehrgeizigen liebenswerten Berliner Pflänzchen haben wir es zu verdanken, dass wir dort noch riesige Polyphon Lochplatten, Grammophone, verschiedene Pianola, urige Sitzmöbel, Bettpfannen und Küchenutensilien sowie Haushaltsgegenstände aus der Kaiserzeit bzw. Gründerzeit bestaunen können.

Damals in den 50ern musste  alles weg. Die Besitzer der noch prima erhaltenen Möbelstücke und Gebrauchsgegenstände des Hauses waren der schweren dunklen und teilweise unpraktischen Möbel der Kaiserzeit überdrüssig. Lothar Berfelde, das Urgestein dieses Museums, trug den ungeliebten Trödel hier zusammen.

Geboren 1928 in Mahlsdorf überstand er den Krieg und auch die väterliche Gewalt. Schon früh fühlte sich Lothar als Mädchen, kleidete sich heimlich damenhaft und interessierte sich für alten Kram. So kam es, dass er bereits in jungen Jahren einem Kreuzberger Trödelhändler aushalf, Wohnungen auszuräumen und sich in der Restaurierung von alten Möbelstücken zu üben.

© Dipl. Journalist Klaus Teßmann / KT vom Förderverein Gutshaus Mahlsdorf e.V

Er nannte sich Lottchen und war bald schon bekannt als Charlotte von Mahlsdorf. Was andere Leute loswerden wollten, sammelte sie auf, holte es ab, reparierte, verschönerte und pflegte es. Am Ende fand alles Platz im abrissbedrohten Gutshaus in Mahlsdorf, welches Lotte wieder in Stand setzte, dann umsonst dort wohnte und es 1960 offiziell als Gründerzeitmuseum einrichtete und regelmäßige Führungen anbot.

Im Keller warten noch ein paar besondere Fundstücke. Unter anderem aus einer alten Kneipe aus Berlin Mitte, die es leider heute nicht mehr gibt.

Ich würde behaupten, Frauen aber auch Männer können sich von Lottchen noch eine Scheibe abschneiden. Ihr Lebensmotto schien zu sein: „Folge all deinen Leidenschaften und unterdrücke sie nicht.“ Wir sehen, dass etwas Wundervolles daraus entstanden ist. In den Ohren liegt mit auch ihr berühmter Satz, den sie als Antwort auf ihr Singledasein an ihre Mutter gab: „Ich bin meine eigene Frau.“

Und obwohl Charlotte von Mahlsdorf nie geheiratet hat, kann man sich heute im Gartensaal des Gutshauses trauen lassen.
Das finde ich romantisch! ♥

Wer gerne mit dem Fahrrad unterwegs ist, für den ist meine hier zusammengestellte Tour vom Ostkreuz bis zum Gutshaus bestimmt interessant. Es geht vorwiegend durchs Grün, durch die Wuhlheide und an der Wuhle entlang. Zusammen mit dem Museumsbesuch sollte man an die sechs Stunden einplanen. Wenn ein Picknick oder eine Einkehr irgendwo geplant ist, sicherlich mehr.

Generell hat das Museum sonntags und mittwochs auf. Bitte aber immer vorher die Öffnungszeiten des Museums hier checken: Gründerzeitmuseum . Bei Gruppen ab acht Leuten können auch individuelle Termine ausgemacht werden.
Ich werde die Tour am 28.05.2017 noch einmal fahren. Wer Lust hat mitzukommen, kontaktiert mich bitte einfach. 


Bitte die Kartenpunkte für mehr Info anklicken. Die Route ist wirklich schön. Kaum lärmende Straßen dabei.

Abschließend noch ein paar  Worte von mir zur Gründerzeit. Ich sehe da ein paar Parallelen zwischen der heutigen Zeit und damals – jedenfalls in Berlin!

Berlin, die deutsche Startup Metropole, in der gefühlt jeden Tag eine neue Idee entsteht oder gar eine neue Firma gegründet wird. Zwischen 1871 und 1914 sah dies sehr ähnlich aus. Es wurden täglich an die 100 Patente eingereicht. Die Straßenbahn wurde eingeführt, der erste elektrische Haarfön eingesetzt und Otto von Lilienthal richtete sich seinen Fliegeberg in Zehlendorf ein.

 

 

2 Kommentare

  1. Liebe Alice, ein ganz toller neuer Beitrag! Ich bin jetzt sehr neugierig auf die Tour und freue mich auf Mai 🙂

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