Ostalgie pur – Eine außergewöhnliche Wohnung

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Letzten Sonntag habe ich mich, wie bestimmt viele in Berlin, auf eine Wohnungsbesichtigung begeben.
Ich möchte euch hier davon berichten und verspreche euch, diese hier wird anders werden als alle Wohnungsbesichtigungen, die ihr je in Großstädten erlebt habt.
Es wird kein Gedrängel vor der Tür geben! Ich brauche auch keine Dokumente mitzubringen oder mich einem Immobilienmakler anzubiedern.

Als ich dort ankomme, ist die Straße menschenleer. Ich betätige den Klingelknopf der Hausnummer 179 in der Hellersdorfer Straße. An der Klingel steht: „Museumswohnung“. Hier bin ich richtig! Nach einer Weile ertönt die summende Eingangsbestätigung und ich betrete das fünfgeschossige Gebäude. Gleich rechts in der Parterrewohnung werde ich mit folgenden Worten begrüßt: „Die sind gerade alle weg!“ Der nette Herr lacht, freut sich augenscheinlich über meinen Besuch und führt mich ins Wohnzimmer. Dort erklärt er mir die genaue Entstehungsgeschichte dieser Museumswohnung. Die Idee dazu entstand vor etwa 13 Jahren. „Am Donnerstag, den 16.02.2017 feiert die Wohnung als Museum ihr 13-jähriges Bestehen“, berichtet der nette Mann stolz.
Auch wenn schon so einige Jahre ins Land gegangen sind; in diesem Plattenbauelement der Wohnungsbauserie 70 (kurz: WBS 70) in Hellersdorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Küche, Bad, Schlaf- und Kinderzimmer sowie die gute Stube sind voll ausgestattet. Man könnte quasi sofort einziehen. Sogar die Nachtwäsche liegt ordentlich auf dem Ehebett bereit. Alle Einrichtungsgegenstände, wie Möbel, Elektrogeräte, Gardinen, Kinderspielzeug, alte Magerineschachteln und Tapeten wurden extra für die 61m² große Wohnung zusammengetragenen, liebevoll platziert oder angebracht. Es scheint, als würden sie auf die Wiederkehr ihrer Hausherren warten. Farbfernseher, Stereoanlage mit Plattenspieler und Radio im Wohnzimmer sind vom Kombinat RFT, ein Zusammenschluss von Firmen im Bereich der Rundfunk- und Fernmelde-Technik der ehemaligen DDR. Die Kaufbelege sind alle vorhanden. Fast alles hatte seinen festen Preis, den sogenannten Einzelhandelsverkaufspreis, der auf den Verpackungen der Artikel des täglichen Gebrauchs, wie Waschmittel und Butter fest aufgedruckt war.
Unvorstellbar ist heute, dass ein Röhrenfernseher ungefähr 4.200,00 Mark (DDM) und ein Taschenrechner 449,00 Mark kostete; der Mietpreis dieser Wohnung aber nur bei 109,00 Mark pro Monat lag. Kalt- und Warmmiete kannte man übrigens im Osten nicht. Der Mietpreis einer Wohnung war fix über Jahre. Um einen heutigen Anhaltspunkt in Euro zu bekommen, müsste man die Ostmark durch vier teilen. Die komplette Miete dieser 60 m² Wohnung betrüge dann 27,25 EUR! Der Taschenrechner würde 112,25 EUR kosten. Unglaublich für die Generation nach der Wende. Elektro so teuer! „Geiz ist (doch) geil!“ Oder wie war das nochmal? Heutzutage geben wir ungefähr ein Drittel bis die Hälfte unserer Gehälter an Miete aus. Für elektronische Geräte deutlich weniger. Anders in der DDR. 1988 lag der Nettolohn für eine Küchenkraft bei durchschnittlich 700 Mark, und um die 950 bis 1000 DDM für einen Produktionsmitarbeiter. 1 Das Verhältnis Mietpreis zu Gehalt war somit fast nie über 20%. Selbst für Geringverdiener stellte die Wohnung also keine Belastung dar. Zum einen lag dies daran, dass Nahrungsmittel und alle anderen lebensnotwenigen Dinge vom Staat subventioniert wurden. Sogenannte Luxusgüter, wie Elektrogeräte für den Haushalt oder das Entertainment waren in der Produktion durch veraltete Maschinen und teure Importe schwieriger herzustellen oder zu organisieren. Das Angebot war deshalb begrenzt. Da die Nachfrage nicht bedient werden konnte, musste dies unter anderem durch die Preise reguliert werden. Die Leute sparten auf einen neuen Fernseher oder ein Radio. Ein Gutes hatte dies: Alles war nachhaltiger. Materielle Besitztümer wurden mehr gepflegt, repariert und Instand gehalten. Dinge wurden vom Nachbarn geborgt. Eventuell war dies auch eine schöne Gelegenheit, gerade in einer anonymen Großstadt mit seinem Umfeld in Kontakt zu kommen. So wie dies in vielen Stadtteilen Berlins wieder in Mode kommt. Oftmals findet man Flyer und Aufkleber von Nachbarschaftsinitiativen und Sharing Communities in seinem Briefkasten oder in Bars ausliegen. Niemand muss mehr alles besitzen, zumal ja eh fast alles für die Miete draufgeht! Auf etwas zu sparen ist zumindest viel schwieriger geworden! Entweder das Geld reicht zum Sparen nicht oder bis man dann alles zusammen hat, ist das Teil eh schon wieder Schnee von gestern. Die Technik zwischenzeitlich schon tausendmal verbessert worden oder aus der Mode.

Nachdenklich schaue ich aus dem Fenster über den Balkon und entdecke schräg links hinter dem gegenüberliegenden Hochhaus den neu gebauten Mast der ersten Seilbahn Berlins. Rechts vom Haus sehe ich den Kienberg mit seiner Aussichtsplattform. Achja, die IGA 2017. Am 13. April 2017 öffnet sie ihre Pforten bis Anfang Oktober 2017.
Der nette Herr ist übrigens fast jeden Sonntagnachmittag hier, guckt ob alles in Ordnung ist und empfängt die Besucher. Die Wohnung ist vom Gelände der internationalen Blumenschau nur einen Seilsprung entfernt. Einen Abstecher hier in diese Wohnung ist auf jeden Fall empfehlenswert.  Der Eintritt ist frei.

 

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Quellenangaben:
1) Helga Stephan, Eberhard Wiedemann: Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR http://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_mittab_stephan_wiedemann.pdf, Seite 7, Bild 2
2) Seite der Konrad Adenauerstiftung, aufgerufen am 14.02.1017 http://www.kas.de/wf/de/71.6591/

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