Mein Besuch im Deutschen Reichstag: Auf den Spuren von Transformation, Reflexionen und Kunst

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Am 27. Februar 2017 begebe ich mich zum Platz der Republik 1 in Berlin. Dort steht nicht das älteste Gebäude dieser Stadt, aber wohl das Eindrucksvollste.

1884, noch zu Zeiten des deutschen Kaisers, wurde der Reichstag als Parlamentsgebäude des Deutschen Reiches errichtet. 1933 durch Brandstiftung schwer beschädigt und in den letzten Schlachten des 2. Weltkrieges im Frühjahr 1945 fast komplett zerstört, blickt das Gebäude auf einen harten, steinigen Weg zur heutigen Demokratie zurück.

Dem britischen Architekten Sir Norman Foster, der das Gebäude in den 90er Jahren von Grund auf sanierte, zu rettende Mauerteile stehen ließ, sorgfältig restaurierte und mit neuen modernen Bauelementen verband, ist es zu verdanken, dass das Gebäude nun mit jährlich rund 1 Millionen Besuchern das meistbesuchte Parlament der Welt ist.

Am 27.02.2017, genau 84 Jahre nach dem schwerwiegenden Brand, betrete ich über die große Freitreppe des Westportals das geschichtsträchtige Gebäude. In der Besucherhalle werde ich links an der Glastür des Plenarsaals vorbei zu einem Wartebereich geführt. Hier warten bereits einige Leute auf den Guide der geschichtlichen Bundestagsführung, die meisten in einladende schwarze Ledersofas geschmiegt.

Der repräsentative Westeingang ist für Besucher. Der offizielle Eingang der Parlamentarier und des Bundestagspersonals auf der Ostseite wird heute kaum genutzt, denn es ist kein Plenarbetrieb. Niemand rennt eilig die Gänge auf und ab, die Inhousetelefone an der Fensterseite zum Innenhof stehen still. Die Party steigt woanders. Es ist Karnevalswoche in Deutschland und auch deshalb eine von insgesamt 15 sitzungsfreien Wochen im ersten Halbjahr dieses Kalenderjahres.

Polizeiprotokollen zufolge stieg vor 84 Jahren in der Rosenmontagsnacht zum 28.02.1933 der Niederländer Marinus van der Lubbe durch den Balkon auf der Westseite in das holzvertäfelte Restaurant. Er zündete das geschichtsträchtige Feuer des Reichstages, welches nicht nur das Gebäude stark beschädigte, sondern auch von der frisch an die Macht gekommene NSDAP zum Anlass genommen wurde das Ermächtigungsgesetz zu erlassen, was schlussendlich die Demokratie und die Grundrechte des Landes aushebelte und so Hitlers Partei kurzerhand eine immense Macht zusprach. Über acht Jahrzehnte später befinden wir uns wieder im selben Raum. Hier ist kein Restaurant mehr, sondern die Abgeordnetenlobby. Fast nichts deutet mehr auf die Brandstelle hin. Die Holzvertäfelung ist einer schlichten hellgrauen Plattenwand gewichen. Auch hier stehen gemütliche schwarze Ledersofas, eine riesige Palme ziert eine Ecke der Fensterfront. Dahinter befindet sich an der Wand eine graue analoge Uhr mit jeweils einem weißen und rein roten Punkt. Solche Uhren sind übrigens fast in jedem Raum, Saal oder Gang zu finden. Unser Hausführer lenkt den Blick jedoch vorerst auf ein rot, schwarz, gelbes Fotogemälde von Katharina Sieverding an der Wand gegenüber. Eine lodernde Sonnenkorona weckt Assoziationen an das Feuer. Ein Mahnmal an die Brandnacht. Das Bild ist durch die westliche Sonneneinstrahlung ein wenig verblichen. Das einstige Rot der Flammen, schimmert nun in leichten Rosatönen. Die grausame deutsche Geschichte scheint sogar in diesen Gemäuern mehr und mehr zu verblassen.

Wir gehen weiter und bleiben vor dem blaubestuhlten Plenarsaal stehen. Über drei großen Glastüren steht einzeln geschrieben: „Enthaltung“, „Ja“, „Nein“. Diese Türen kommen bei spontanen Abstimmungen ins Spiel, dem sogenannten Hammelsprung*. Wenn es Zweifel über das Ergebnis einer Abstimmung gibt und es schnell gehen muss, leuchten die roten Punkte auf den grauen Uhren hier und in den anderen Regierungsgebäuden auf begleitet von einem Klingelgeräusch. Jeder der 630 Abgeordneten, der sich dann im Regierungsviertel befindet, wird aufgefordert sich durch eine dieser drei Türen in den Plenarsaal zu begeben. Ich suche nach Sensoren für die Zählung, entdecke aber keine und bin erstaunt, als ich nachfrage: Die Zählung der eintretenden Personen erfolgt tatsächlich noch analog anhand einer Strichliste mit Papier und Stift. Leider dürfen wir den Plenarsaal nicht betreten, auch wenn er menschenleer ist. Durch die Glasscheiben sieht man jedoch gut, die blau schimmernden Stühle. Je nach Lichteinfall leuchten sie auch lila. Das sogenannte „Reichtagsblue“, weit entfernt von den vorherrschenden „politischen“ Farben rot, schwarz, grün oder gelb, wurde extra von Norman Foster für den Bundestag konzipiert.

Die verschiedenen Bankreihen und Aufteilungen nach Parteigruppen sind gut zu erkennen. Die Aufteilung in die Fraktionsblöcke ist fix und wird alle vier Jahre nach den Bundestagswahlen neu bestimmt. Die einbeinigen, durch extra konzipierte Löcher mit dem Boden verankerten Stühle, werden dann neu gestellt. Innerhalb der einzelnen Gruppierungen der Parteien herrscht jedoch keine strenge Sitzordnung, sondern freie Platzwahl. An der Wand thront der bekannte deutsche Aluadler, dem Volksmund bekannt als „Fette Henne“, in seiner prachtvollen Größe von 6,80m x 8,50m. Später können wir den Greifvogel und den Saal noch von den oberen grauen Sitzreihen der Besuchertribüne bestaunen. Vorher werden wir noch zu den erhaltenden Grundmauern mit den „sowjetischen Graffitis“ aus dem Jahre 1945 geführt, dann in einen künstlerischen, religiös variabel zu gestaltenden Andachtsraum und schließlich finden wir uns vor Merkels verschlossener blauer Tür wieder. Wie gesagt, heute ist keiner hier, auch Merkels Leibgarde ist nirgends zu sehen.

Zum Abschluss geht es ohne Guide mit dem Fahrstuhl rauf zur gläsernen 23 Meter hohen Kuppel. Sir Norman Foster wollte mit diesem gläsernen Glanzstück die Transparenz und Reflexion des Parlaments gegenüber dem deutschen Volk symbolisieren. Am besten nimmt man sich am Fuße der Kuppel einen Audioguide. Er erklärt nicht nur die Funktion und Beschaffenheit der Kuppel, sondern auch die umliegenden Gebäude, die mit jedem Meter, den man den schrägen Rundweg der Kuppel hinaufläuft, mehr in Erscheinung treten.

Von hier aus hat man nicht nur einen schönen 360° Blick über Berlin, sondern auch auf das Reichtagsgebäude selbst. Erwähnenswert sind die vier Ecktürme, die von hier oben gut zu erkennen sind und die vier damaligen königlichen Mächte Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg symbolisieren.

Die Kuppel ist beeindruckend. Ständig wird der Blick über die Stadt zurück auf das Innere der Kuppel und die bizarren Reflexionen der zahlreichen Spiegelelemente gelenkt. Neben der symbolischen Bedeutung hat die Kuppel aber auch noch praktische Funktionen. Die 360 Spiegellamellen leiten Tageslicht in den Plenarsaal. Durch die 10 Meter große Öffnung der Kuppel kann es zwar in die oberste Etage reinregnen und schneien, das wurmt die unten sitzenden Abgeordneten jedoch wenig. Ein von hier aus bis in den Plenarsaal reichender Trichter sorgt so für den Abzug verbrauchter Luft durch die Öffnung. Frischluft erhält das Gebäude durch unter dem Plenarsaal geleitete Schächte. Eine überaus ausgeklügeltes System und eine ökologisch als auch ökonomisch gut durchdachte Klimaanlage.

Die Geschichtsführung ist wirklich interessant und der Besuch der Kuppel einfach einmalig. Wer es dennoch zeitlich nicht schafft, weil er die vorherige online Anmeldung versäumt oder bei einem Spontanbesuch die lange Wartezeiten von mehreren Stunden nicht in Kauf nehmen möchte, der bekommt von der parlamentarischen Geschichte Deutschland auch einen guten Einblick im Deutschen Dom auf dem Gendarmenmarkt. Die ebenfalls kostenlose Dauerausstellung „Wege – Irrwege – Umwege“ beschäftigt sich sehr intensiv mit der parlamentarischen Geschichte Deutschlands und man kann sich in einem nachgebildeten Miniplenarsaal sogar hinter das höhenverstellbare Rednerpult stellen.

Wer sich für Kunst interessiert, ist bei den kunstspezifischen Führungen im Bundestag und in seinen weiteren 24 Gebäuden und dazugehörigen Freiarealen, bestimmt gut aufgehoben. Im Rahmen der Regelung „Kunst am Bau“ ist der Staat als Bauherr dazu verpflichtet einen gewissen Anteil der Baukosten für Kunstwerke in öffentlichen Bauten zu verwenden. Insgesamt 29 Künstler wurden hier auserwählt, dessen zahlreiche Kunstwerke und Installationen die Liegenschaften des Bundestages verschönern.

Leider kann die 90 minütige Geschichtstour nur einen kleinen Ausschnitt des ca. 13.000 m² großen Gebäudes geben. Auf der Tour wird auch leider der unterirdische Gang, der das Paul-Löbe-Haus mit dem Reichstagsgebäude verbindet, nicht erwähnt. Noch werden auf der Seite des Bundestags Führungen dazu angeboten. Auf Nachfrage beim Guide, soll ich mich direkt per E-Mail an den Besucherservice des Bundestages wenden. Ein Besuch sei wohl möglich, die Wartezeit beträgt wahrscheinlich einige Monate. Meine E-Mail Anfrage wird natürlich gleich in den nächsten Tagen rausgehen.

* Der Begriff Hammelsprung stammt noch von den Reichsabstimmungen zur Kaiserzeit. Bis 1894 hingen hier zwei Bilder über den Eingangstüren. Eines der beiden Bilder zeigte den Riesen Polyphem aus Homer’s Odysee, der seinen Widdern bzw. Hammeln den Rücken streichelte.

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