Fahrradfahren im Schnee oder die Neuentdeckung der Langsamkeit

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An einem verschneiten Januartag zieht es mich trotz Minustemperaturen ins Weiße, denn das Grüne versteckt sich gerade. Lange Zeit konnte ich mich mit der Kombination Fahrrad und Winter in Berlin überhaupt nicht anfreunden.  Erst meine Neugierde und Begeisterung für die Stadt, die Natur und die Erkundung ihrer mit dem Fahrrad haben mich überzeugen können, meinen geliebten Drahtesel den kompletten Winter nicht im muffigen Keller einzusperren.

Zugegeben braucht man viel Geduld, einen klaren Kopf und ein bisschen von Fräulein Smilla‘s Gespür, denn Schnee ist nicht gleich Schnee und Matsch ist auch nicht gleich Matsch. Wie ich bei genauerer Beobachtung herausgefunden habe, gibt es neben sandigem Matsch auch noch die Varianten schleimig und wässrig. Je nach vorherigem Untergrund und ob gestreut wurde oder nicht, variiert so auch die Farbe von relativ hellem Matsch bis zu dicken großen schwarzen Matschklumpen. Wie dem auch sei, so jeder Matsch ist auf seine Art schwierig mit „normalen“ Fahrradreifen zu befahren. Eventuell sollte ich mal über Touren- oder Trekkingreifen oder sogar über ein Fatbike für den Winter nachdenken. Gerade letzteres klingt nach kindlichem Winterspaß.

Da ich das alles nicht habe, aber trotzdem unbedingt rumcruisen will, versuche ich es einfach mal so.
Mal sehen, was der Müggelsee an den kürzeren Tagen des Jahres an Erholungswert zu bieten hat. Das Wetter ist perfekt. Die Sonne strahlt und die S-Bahn nimmt mich und mein Fahrrad mit nach Rahnsdorf. Diese Station habe ich unter anderem aufgrund des Aufzuges ausgewählt, denn nicht alle Stationen auf dieser Strecke sind mit einem solchen ausgestattet. Fahrradschleppen ist nicht nur schwer und umständlich, sondern verschafft mir auch gerne hässliche blaue Flecken an den Oberschenkeln, die ich mir selbst und anderen dann später nicht erklären kann.

An der Station angekommen winkt mir gleich ein kleiner verschneiter Waldweg zu. Die Strecke ist perfekt, denn hier wurde gestreut und der gröbste Schnee ist auf dem gepflasterten Weg getaut. Ein super Start! Über den Hegemeisterweg gelange ich in den Waldschützpfad, eine bewohnte Gegend mit schicken Einfamilienhäusern. Die Fürstenwalder Allee überquerend möchte ich laut Karte in die Seestraße und zur Fährstation gelangen und dann irgendwie ans Wasser. Hier wird es schwierig, denn es ist wenig weggetaut. Nur einzelne braune Fleckenränder auf dem Asphalt machen ein gerades Fahrradfahren möglich. Auf weißer Fahrbahn muss ich ulkige Verrenkungen machen, um nicht ins Schlittern zu kommen. Ich beginne stellenweise zu schieben oder auf den gestreuten Gehweg auszuweichen. Das ist kein Problem, denn ich liebe mein Fahrrad. Aber als ich am Ende der Straße ankomme, ist da nur ein geschlossener Metallzaun, denn wen wundert‘s, die Fährverkehr ist im Winter eingestellt! Durch das Gatter sehe ich den zugefrorenen See, an den ich mich eigentlich setzen wollte. Also mache ich mich schiebend weiter und finde nach ein paar hundert Metern die Möglichkeit über eine verlassene private Bootsanlegestelle bis an das Wasser zu gelangen. Boaaah, Erholung pur! Ein kleiner Steg bringt mich ins Träumen. Ich atme tief durch und beobachte Vögel, die in einiger Entfernung lässig auf der Eisfläche landen.
Schön hier, aber der Mensch hat ja nie genug. Ich will weiter und checke die Umgebung auf der digitalen Karte. Am Fürstenwalder Damm entdecke ich ein grünes Fleckchen in Wassernähe. Das ist mein Ziel! Danach geht’s zurück.

Eine großartige Idee, dann dort angekommen entdecke ich Freaks auf dem Eis. Schlittschuhlaufen war noch nie meine Leidenschaft, aber ich bewundere all diese Menschen, die sich auf Kufen ohne Bremsen und auf einer aalglatten rutschigen Fläche fortbewegen können. Die motorischen Fähigkeiten und auch die Geduld des Erlernens sind mir genetisch nicht gegeben. Ein älterer Herr hat eine beträchtliche Eisfläche mit einer Schneeschaufel vom Puderschnee befreit und dreht jetzt seine Bahnen. Ich sehe begeistert zu und stelle mir die Frage, ob wirklich die gesamte Fläche des Sees zugefroren ist. Zeitgleich bewundere ich seinen Mut. Was ist, wenn das Eis doch eine Schwachstelle aufweist und er plötzlich in eisiges Wasser kracht? Ok, hier an dieser Uferstelle, ist es wahrscheinlich gerade mal 50 Zentimeter tief. Aber ich war schon immer ein kleiner ängstlicher Hase!
Eine halbe Stunde verweile ich hier und bestaune die riesige Eisfläche, die Eisläufer und den angeberisch in der Sonne funkelnden Schnee. Dann bemerke ich meine eiskalten Füße. Ich habe die Wintereinlegesohlen vergessen und meine Socken sind auch zu dünn! Selbst meine dicksten Winterstiefel schaffen es dann nicht, meine untersten Gliedmaßen warm zu halten. Ich brauche etwas Warmes und kehre ins Café GERCH* auf der Fürstenwalder Allee ein. Im verglasten Innenraum herrscht Wintergartenidylle. Ich genieße den heißen Kaffee und wärme mich dort für meine Rückfahrt auf.

Auch wenn mein Ausflug nur kurz war, kann ich die Erholung dieser Tour nur hervorheben. Winter, Sonne und die Entdeckung der Langsamkeit ist großartig. Naherholungsgebiete wie Wälder und Seen haben im Schnee einen ganz anderen Charme und meines Erachtens durch weniger Betriebsamkeit sogar einen größeren Erholungswert als an einem sonnigen Sommertag.

Fakt ist allerdings: Wer sich auf so einen kleinen Ausflug mit seinen unplattbaren „Sommerreifen“ einlässt, muss nicht ganz bei Trost und sicherlich verrückt nach Fahrradfahren sein. Weit bin übrigens ich nicht gekommen, aber immerhin mal wieder schneller als zu Fuß.

Abschließend noch ein paar Tipps von mir für provisorische Schneeausflüge mit dem Fahrrad und „Sommerreifen“:

– Vorausplanen und Checken, was für eine Wetterlage herrscht. Weder riesige braune Matschhaufen von schnell tauendem Schnee noch Neuschnee sind für das Fahrradfahren geeignet. Ideal sind mehrere Tage alter Schnee und bereits gestreute Wege. Die Tour sollte also besser nicht durch einen verwunschenen verschneiten Wald erfolgen, auch wenn die Vorstellung sehr romantisch ist. Für solche Ausflüge sollte man das Fahrrad dann doch zu Hause lassen oder Trecking-, Touren oder Spikereifen anbauen! Darüber werde ich sicherlich nächsten Herbst einmal gründlich nachdenken!

– Fahrzeiten zum Zielort mit der Bahn und auch für den Rückweg mit einrechnen. In der Regel wird es um 16:00 Uhr dunkel. Im Dunkeln wird es dann wirklich schwierig und auch gefährlich zu fahren.

– Wenn man in der Woche fährt sollte man den Pendlerverkehr berücksichtigen. Man sollte auf weniger frequentierte Zeiten der Bahn ausweichen, denn niemand hat Lust auf dem Heimweg in einem vollen Wagen ein sperriges abtauendes Fahrrad mit im Abteil zu haben.

– Auf sehr verschneiten Straßen eventuell auf den Gehweg ausweichen, insoweit er nicht gerade von Fußgängern benutzt wird oder man sonst irgendjemanden dadurch behindert.

– Wintereinlegesohlen und dicke Socken nicht vergessen! 😉

– Sich nicht zu viel vornehmen. Die Langsamkeit entdecken, sein Fahrrad auch einmal schieben und die Umgebung bewundern. Eine Strecke durch Schnee von 10 km zu bewältigen ist sehr unrealistisch und mühsam!

Ansonsten wünsche allen eine schöne Fahrt und noch eine tolle Winterzeit!

*Wer auch bei Gerch in Rahnsdorf vorbeischauen möchte, den weise ich darauf hin, dass dieses gemütliche Café leider vom 17.01. bis zum 09.02.2017 geschlossen ist.

 

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